Street Scam

Straßen-Hypnose

Kriminelle Manipulationsstrategien aus dem Großstadt-Alltag (nicht nachmachen!)

Kriminelle Manipulation: Street Scam, oder Russion Scam nennt man ganz allgemein die Strategie, mit der man mittels eines teuflischen Mix aus Hypnose, nonverbale Einflussnahme, ein wenig NLP und gewürzt mit einem überzeugenden Auftreten, suggestible Menschen auf der Strasse leicht berauben kann. Derren Brown zeigt in zwei Beispielen, wie dieser Mix perfekt dargeboten und mit den passenden Probanden tatsächlich innerhalb weniger Minuten zum Ziel führt. 

 
 

„Alltagsmanipulation“

Wie einfach eine gute Strategie doch funktionieren kann

Hypnose, Manipulation oder Strategien für effektive Einflussnahme – so denkt man – seien immer aufwendig, umfangreich, kompliziert und von daher auch schwerfällig in ihrer Handhabung. Das zumindest ist ein Glaubenssatz, den ich in all meinen Workshops immer wieder antreffe. Fest gebrannt in den Hirnwindungen, scheint es ein Bild, eines ausgelieferten Probanden zu geben, der willenlos in den Fängen eines trickreichen Hypnotiseurs sich alsbald zu einem rosa Karnickel verwandelt. Wenn zumindest nicht dieses Bild, dann gehört doch wenigstens der Glaubenssatz dazu, dass Manipulation und Einflussnahme immer ein ganz spezielles Setting und passende, höchst suggestible Probanden bedürfe.

Das der erste Glaubenssatz definitiv falsch ist, das belegt uns nicht nur die Werbung alltäglich. Einflussnahme ist kein hochgeistiger, verkopfter und komplexer Akt verbaler, nonverbaler oder systemischer Einflussnahme. Manipulation geschieht subtil: meist indirekt, immer bedürfnisorientiert und verspielt. Das die gewählte Strategie zu der Erlebniswelt des Gegenübers passen muss, dass wiederum ist richtig (s.h. Rapport). Höchst suggestibel (im Sinne der Hypnotherapie) muss hingegen niemand sein um auf entsprechend dargebotene Angebote eines Dritten einzusteigen. Wir alle sind extrem beeinflussbar, vor allem wenn es darum geht, die Vielzahl unserer Bedürfnisse befriedigt zu bekommen.

Jegliche Manipulationsstrategie die an den Bedürfnissen seines Gegenübers ansetzt, hat zumindest schon einmal einen guten Start. In dem oben angebotenem Beispiel von Derren Brown ist der Einstieg denkbar simpel: Das systemisch bedingte Bedürfnis, als eine hilfsbereite Person wahrgenommen zu werden, öffnet ihm hier die Tür. Derart Bedürfnisse gehören zu den mächtigsten, musterbedingten Verarbeitungsprozessen in unserem Hirn überhaupt. Immerhin ist das eigene Überleben seit Millionen von Jahren an das Überleben der Gruppe gekoppelt. Sicherlich hat sich der Ausdruck systemkonformen Handelns und Entscheidens seit dem ein wenig verändert, die grundlegende Verarbeitungsroutine rattert jedoch unverändert in den Untiefen und Windungen unseres Gehirns.

Derren Victor Brown (27.02.1971), so heißt er eigentlich richtig, dieser kleine Engländer,der zu den größten Mentalisten – zumindest hier in Europa – gehört. Begonnen hat Derren Brown seine Karriere wie fast jeder Andere, als Zauberkünstler. Erst als ihm der englische Sender: Channel 4 das Angebot machte, eine Serie mit dem Titel: “Mind Control” aufzunehmen, erlangte er seinen stetig wachsenden Ruhm.

Derren Brown hat mittlerweile eine Menge Produktionen abgedreht, in dem er eindrücklich zeigt, wie Manipulation auf all den verschiedenen Ebenen: nonverbale Einflussnahme, verbale Einflussnahme und systemische Einflussnahme im Alltag funktionieren kann.

Transskript

Derren Browns Manipulations- Algorithmus in Zeitlupe

Patrick Chappatte

Patrick Chappatte

Der schweizer Zeichner libanesischer Herkunft Patrick Chappatte wurde 1967 in Pakistan geboren und ist in Singapur und der Schweiz aufgewachsen. Er arbeite für den International Herald Tribune, Le Temps und die Neue Zürcher Zeitung.

Im Beispiel, der von Derren Brown präsentierten „Street Scam“, kommt ein guter Mix aus Grundlagen zusammen, die wir vor allem aus der Hypnose (s.h. Erickson) und aus der NLP (s.h. Grinder) als Handlungsformate kennen. Aus seiner Präsentation lassen sich beispielhaft gut die Grundlagen ableiten, die wir bei jeder erfolgreichen Manipulationsstrategie finden werden.

Alles ist Beziehung
Einflussnahme kann ohne eine tragfähige Beziehung nicht funktionieren. Diesen zielgerichteten Beziehungsaufbau nennt man: Rapport. Für einen stabilen Rapport muss man nun auch nicht studiert haben. In aller Regel bilden wir automatisch Rapport zu einem Gesprächspartner her, vor allem dann, wenn er uns sympathisch ist. In unserem Beispiel tut dies Derren Brown durch einfaches Spiegeln. Um zu testen, ob der Rapport wirklich steht, testet man diesen am Besten. Man geht in den „Lead“. Folgt Dein Gegenüber, dann kann man sich einer tragfähigen Beziehungsbasis gewiss sein. Zumindest für den Moment.

Das passende Muster triggern
Um sich eben nicht in einer rationalen und bewussten Diskussion zu verstricken, zielt jede Manipulationsstrategie auf unbewusste Musterprozesse. Derlei Verarbeitungs- und Handlungsmuster unseres Gehirns dienen einzig allein dem Zweck, die Befriedigung unserer Bedürfnisse zu garantieren. Das fängt beim Überleben an und hört irgendwo beim „Erleuchtet-sein-wollen“ auf. Musterprozesse sind alles andere, nur nicht bewusst. Und da unwillkürliche Prozesse immer stärker, schneller, effektiver und ökonomischer sind, als jeglicher bewusster Gedanke je sein könnte, bilden sie die tragfähige Basis der Einflussnahme. Nur, das passende Muster muss es eben auch sein.

Ob sein „Opfer“ grundsätzlich darauf anspringt, auch mustergesteuert zu reagieren, testet Derren Brown mit dem „Handshake Pattern“. Auf den ersten Anlauf regiert er nicht, aber beim zweiten Mal beißt er zu. Er greift die ausgestreckte Hand. Um diesen „State“, mustergesteuerter Reaktionsrituale zu behalten, unterbricht Derren Brown das „Hände-Schütteln-Ritual“, in dem er die Hand seines „Opfers“ nicht wie gewohnt loslässt (s.h. Pattern Interrupt).

Das passende Muster II
Welches Muster könnte besser passen, als eines, bei dem es ums Geben und Nehmen geht? Und genau so ein Verarbeitungsritual sucht Derren. Er findet es in dem systemischen Prozess der Reziprozität. Dieses Muster besagt, dass wir Menschen von einem nahezu förmlichen Drang beseelt werden, etwas zurück geben zu wollen, wenn uns etwas gegeben wird. Das fängt bei einem schlichten Gefallen an und Endet bei der Geburtstagseinladung (s.h. Cialdini). Hier drückt Derren seinem „Opfer“ schlicht seine Wasserflasche in die Hand. Er gibt ihm etwas. Das dieser rituelle Akt auch noch weitere Wirkfaktoren hat, will ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Für seine Zwecke reicht dieser einfache Akt, um das Verarbeitungsritual der Reziprozität anzustoßen.

Zieleinlauf
Die beste Manipulationsstrategie nützt nichts, wenn man nicht zum Punkt kommt. Derren kommt sehr direkt zum Punkt. „Nimm meins,…! Gib mir Deins,…!“ ist schlicht seine direkte Aufforderung. Keine Zaubersprüche oder Beschwörungsrituale. Er verlässt sich Hundertprozentig darauf, dass sein „Opfer“ nicht aus seiner vollautomatischen Verarbeitungs- und Handlungstrance aufwachen wird. Und: er tut es auch nicht! Zumindest nicht in diesem Moment.

Das dieser Moment auch noch ein wenig anhält, dafür sorgt er in dem er zum Abschluss wieder an dem Punkt ansetzt, an dem alles Begonnen hat: Der Einstiegsfrage, dem nonverbalen Pacen und natürlich dem Händeschütteln. An diese Sequenz ist in der inneren Erlebniswelt seines „Opfers“ immer noch der Eintritt in die „Verwirrung“ und das Abtauchen in seine Trance gekoppelt. Mit dem erneuten Schütteln der Hände löst Derren Brown diesen Anker aus und verschafft sich dadurch einen Vorsprung.

8-10 Sekunden später erwacht das bewusste Hirn seines Gesprächspartners und gewinnt wieder Oberhand. Das innere Ungleichgewicht, die Dissonanz in der Verarbeitung des gerade Erlebten, steht dem Armen ins Gesicht geschrieben. Noch halbwegs irritiert dreht er um und such verunsichert den Manipulator.

Ablauf (kurz)

  • Beziehungsaufbau: Rapport, Pacing, Leading
  • Mustertrigger, Musterunterbrechung, Bahnung (Priming)
  • direkte Suggestion
  • Anker (FallbackSchleife)

Russian-Scam Uniklinik Mannheim

Russian-Scam Uniklinik Mannheim

Hier, an der Uniklinik in Mannheim ereignete sich im März 2014 der Vorfall, der Richter, Vorstände und Geschäftsführer Kopfzerbrechen bereitete. (Quelle: Wikipedia)

Rhein Neckar Zeitung vom 04.07.14

Rhein Neckar Zeitung vom 04.07.14

Street Scam vor der Haustür

Street-Scams / Russian-Scams sind dabei keine Kuriositäten die nur in einem kontrollierten Laborversuch eines Derren Brown, oder unter ganz bestimmten, inszenierten Umständen, weit, weit weg von uns funktionieren könnten. Das eine Manipulationsroutine, wie die Street-Scam längst schon Einzug in den kriminellen Alltag gefunden hat, belegt zum Beispiel ein Vorfall, von dem „Die Welt“, so wie die Rhein-Neckar-Zeitung am Freitag, den 4. Juli berichtete.

Eine 64-Jährige Kassiererin an der Uniklinik in Mannheim verlor fristlos ihren Job, als sie Unbekannten „wie in Trance“ die Tür zu ihrem Kassenhäuschen öffnete und sich seelenruhig berauben ließ:
URL: s.h. Rhein-Neckar-Zeitung, 4. Juli 2014,
oder hier:“Die Welt“ : Erst hypnotisiert, dann ausgeraubt, 04.07.2014

Das die arme Frauen nach diesem Vorfall sicherlich so große Augen gemacht haben wird, wie die „Opfer“ von Derren Brown im Film oben (2. Slide, oder hier auf youtube), kann man sich gut vorstellen. Sicherlich sind alle Beteiligten wie Richter, Vorstände und Geschäftsführer mit der Wahl ihres Sachverständigen: Gunther Schmidt, mehr als gut beraten.

Das dieser Vorfall aber kein Einzelfall war, belegen die Recherchen der Redakteure. Mit der gleichen Routine scheint es zumindest einen weiteren Vorfall in der Schweiz gegeben zu haben.

Street Scam

Der Reihe nach

Wie schon im Video Meta-Kommentiert, anbei nochmal als kleiner Ablauf-Slider. Ein Beispiel, wie ein Einfluss nehmender Dialog grundsätzlich aufgebaut und zielgerichtet ausgelegt werden kann.

Manipulations-Strategie: Street Scam

Baukasten für Startegien effektiver Einflussnahme

Am Beispiel der „Street Scam“ lassen sich grundlegende, verbale-, sowie nonverbale Bausteine hervorragend ableiten, um eine Alltagstrance zu induzieren und zielführend zu nutzen. Hier ist diese Strategie der Einflussnahme jedoch kriminell und daher strafbewehrt. Nachmachen daher nicht empfohlen.

Dennoch, als Beispiel dafür, wie einfach, schlicht und fließend ein alltägliches Manipulationsritual zum Beispiel im Verkauf, im Service, bei der Beratung oder im Marketing aussehen und funktionieren kann, dienst die Street Scam vom Derren Brown ganz gut. Anbei die einzelnen Bausteine in der Übersicht.

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Einzelformate für eine vollständige StreetScam Strategie

  • Rapport
  • Pacing & Leading
  • passende Mustertrigger
  • Musterunterbrechung
  • systemische Mustertrigger (hier: Reziprozität)
  • Bahnung/Priming
  • direkte/indirekte Suggestion
  • Optional: Anker

  • Verwirrung/Konfusions-Technik
  • Tag-Questions (s.h. Milton-Modell)
  • direkte Befehle (s.h. Milton-Modell)
  • Anker-Phrasen

  • Rapport
    Aufbau einer tragfähigen Beziehung: entweder über ein systemisches Muster, oder klassisch über Pacing & Leading, oder z.B. über systemische Status-/Sympathiemuster. (TOTE (Test-Operate-Test-Exit))
  • Mustertrigger
    Das passende Muster triggern. Bei „Geben-Nehmen-Ritualen“ passt jede Form der Reziprozität wunderbar.
    Kombinationen: Kontrastprinzip, Tendenz-Strategie, Low-Ball, manipulierte Selbstbilder, usw.
  • Musterunterbrechung
    Um den „altered state“ zu halten, oder Konfusion und Ablenkung auf bewussten Instanzen zu initiieren, ein beliebiges Muster unterbrechen. Sehr beliebt: Der Handshake Interrupt; aber auch eine indirektere Musterunterbrechung aus dem Milton Modell passt immer.
  • Suggestion/Aufforderung
    permissive oder embedded Commands, aber auch direkte Befehle führen zu Ziel.
  • Übergang/Ausleitung
    vorher installierte Anker nutzen, oder die Induktions-Sequenz wiederholen, fördert Amnesie-Muster und erleichtert einen eleganzen Ausstieg als ob nichts gewesen wäre.

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