• Home
  • /Blog
  • /Hypnose: eine spannende Geschichte
Hypnose: eine spannende Geschichte

Hypnose

eine spannende Geschichte voller Angst & Mißverständnisse

Hypnose: Über hunderte und tausende von Generationen hinweg, haben wir Menschen uns dafür interessiert, wie wir uns das Leben leichter, erfolgreicher und machtvoller ausstatten können. Schnell hat der Mensch dabei entdeckt, dass ungeahnte Ressourcen, Fähigkeiten und Möglichkeiten irgendwo unterhalb des Bewussten schlummern. Um diese sich zugänglich zu mache, dafür wurden über die Generationen hinweg unermüdlich geforscht, erprobt und erfunden. Am Ende kam ein Schotte daher und gab dem ganzen Zauber einen Namen: Hypnose!

Quelle: (Auszug/Ergänzung) Handbuch Manipulation | hypnotische Sprachmuster | eine kurze Geschichte der Hypnose ab Seite 187ff

 
 

Neurohypnotismus

Hypnose: eine Geschichte von Angst, Macht und Mißverständnissen

Über hunderte von Generationen hinweg, haben wir Menschen uns dafür interessiert, wie wir uns das Leben leichter machen können. Entweder selber geplagt von irgendwelchen Dämonen, oder getrieben von der Neugier, anderen diese Dämonen wieder unterzujubeln. Entweder motiviert, auf einfache und schnelle Art Bestleistungen aus sich heraus zu kitzeln, oder andere dazu zu treiben, Leistungen zu zeigen, die aus irgendeinem Grund wünschenswert für einen waren. Wie man es auch dreht, Neugier an den unbewussten und scheinbar unerschöpflichen Ressourcen und Weiten unserer Möglichkeiten, hatten wir Menschen schon immer. 

Dieser Forscherdrang führt dazu, dass irgendwann um die 19. Jahrtausendwende ein schottischer Arzt die Entdeckung machte, dass man Menschen recht leicht ihre Schmerzen nehmen konnte. Das war ganz praktisch, wenn man sie operieren wollte, zumal es ja noch keine Betäubungsmittel in der Art gab. Also lernte dieser Arzt, wie er seine Patienten in einen ganz bestimmten Zustand versetzten konnte, in dem wie von selbst, kein Schmerz mehr wahrgenommen wurde. Diesen Zustand nannte er: Neurohypnotismus (Braid, 1843). Zumindest anfänglich. Unschwer zu erkennen formte sich aus dieser Formulierungskrücke bald schon die deutlich ökonomischere Abkürzung: „Hypnose“ (Braid, 1853).

Unter Hypnose nun operierte der Chirurg erfolgreich seine Patienten. Damit war er der gerade entstehenden Anästhesie einen guten Schritt voraus. Leider fand nach seinem Tod im Jahre 1860, seine Errungenschaft in England kaum noch Beachtung. Vielleicht lag das daran, dass er sozusagen auf dem Sterbebett noch liegend, seine etwas unpassende Wortschöpfung umzutaufen gedachte?

Hypnose kommt eigentlich von dem griechischen Wort „hypnos“ – und bedeutet „der Schlaf“. Ganz so falsch war diese Worttaufe ja aus Sicht des Arztes nicht. Immerhin fielen seine Patienten ja in einen schlafähnlichen Zustand. Doch bei genauerem Hinsehen – das fiel auch James Braid auf – handelte es sich bei diesem „Schlaf“ wohl mehr um einen Zustand der: „Konzentration von Aufmerksamkeit und Erhöhung der Einbildungskraft“, als um einen simplen Tiefschlaf. Flugs bemüht, diesen Fehler zu korrigieren, bat er auf dem Sterbebett noch an, Hypnose doch von nun an treffender „Monoideismus“ zu nennen.

James Braid

James Braid

James Braid (1895 – 1860) war ein schottischer Arzt der der Hypnose ihren Namen vermachte. Ursprünglich einmal mit „Neurohypnotismus“ benannt, war die Hypnose zur einer Zeit, in der die Anästhesie gerade noch in ihren Schuhen steckte, eine willkommene Methode vor allem der Schmerzstillung bei Operationen.

Bildquelle: Cactus.man at en.wikipedia, from Wikimedia Commons

Aber da war es bereits zu spät: Die Bezeichnung „Hypnose“ hatte sich bereits über die Landesgrenzen ausgebreitet und war damit fest etabliert (und ganz ehrlich: „Monoideismus“ ist jetzt auch nicht wirklich besser, oder?). Kommen wir zurück zu diesem Wörtchen, dem wir so viele Missverständnisse zu verdanken haben: Schlaf!

„Schlaf!“ mit diesem martialischen Befehl schickt heutzutage ein Showhypnotiseur seine Probanden auf die Bretter, schickt der klassische Hypnotherapeut seinen Klient in die Welt der Träume, wie aber auch ein entnervter Vater sein quengelndes Kind – ins Bett. Der Zustand des Schlafens scheint unauflöslich mit dem der Hypnose assoziiert zu sein. Ärgerlich. Aber so ist es nun mal. Wie wenig das alles miteinander zu tun hat, werden wir gleich sehen.

Fangen wir von vorne an. Nicht erst seit dem 20. Jahrhundert wird so etwas wie Hypnose praktiziert. Die Tradition mit Hypnose (oder wie man fälschlich ja auch oft sagt: „in“ Hypnose) bestimmte Rituale zu vollziehen, ist schon wirklich alt. Bereits vor tausenden von Jahren findet man zum Beispiel in alten Schriften der Ägypter, der Inder, der Chinesen und in Schriften der Sumerer Berichte über Heilungs-, oder Schlaftempel. In diesen wurden zu Heilzwecken Rituale vollzogen, die doch sehr an eine zielgerichtete, hypnotische Trancen erinnern.

Bleiben wir noch ein Weilchen in diesen längst vergangenen Zeiten. Schaut man sich diese „Zeremonien“ genauer an, kann man feststellen, dass derlei Rituale nie autoritär oder tiefenentspannt, sondern immer kontextbezogen praktiziert wurden. Das ist ein so markantes Merkmal, dass ich es unbedingt unterstreichen muss: kontextbezogen!

natürliche und zweckorientierte Induktion und Nutzung von Tranceprozessen

Denk doch mal ein paar tausend Jahre zurück und stelle dir ein indigenes Volk vor. Vielleicht war da ja dein Ur-, Ur-, Ur-Großvater, der gerade vor dem Problem stand, die Versorgung der Familie zu managen. Nun war es aber so, dass man früher nicht einfach mal schnell ums Eck gehen konnte, sich sein Frühstück erlegen und es sich in seinem Wigwam grillen konnte. Früher war die Lösung der Ernährungsfrage eine gemeinschaftliche. Man zog gemeinschaftlich los und ging auf die Jagd. Und auch damals war es schon unwirtschaftlich, nur ein paar Happen zu jagen – wenn schon, denn schon! Ein paar Tonnen Mammut waren schon deutlich erstrebenswerter als nur ein paar Froschschenkel.

Diese Form der Jagd forderte aber auch ihre Opfer. Man bedenke, dass bei der einen oder anderen Jagd schon mal so ein Waidmann auf den Stoßzähnen eines Beutetiers hängen bleiben konnte. Das musste man schon in Kauf nehmen. Um dieses Risiko nun zu minimieren, fand man schnell heraus, dass umso besser vorbereitet man als Gruppe war, desto risikoarmer konnte man erfolgreich jagen. Und diese Vorbereitung geschah nun wie? Richtig – durch ein gemeinsames Ritual. Diese Rituale waren nun aber was? Richtig: stets zielgerichtet und kontextabhängig. Für die Vorbereitung traf man sich so in voller Montur im Dorfzentrum um beispielsweise durch gemeinsames Tanzen, später benötigte Bewegungsabläufe zu routinieren und zu automatisieren. Aber auch einen gemeinsamen Bewusstseinszustand galt es zu erzeugen. Dieser machte alle einzelnen Jäger zusammen, zu einer mächtigen, schlagkräftigen „Task Force“. Erinnert dich das an irgendwelche heutigen Rituale, zu denen sich Männer vereinen um einen zielgerichteten Bewustseinzustand zu erreichen? Mir fallen da auf Anhieb dutzende ein. Nur wer würde schon darauf kommen, solche Rituale als „hypnotische Zweckzeremonie“ zu beschreiben?

Nun, diese Rituale damals dienten (wie heute auch) nichts Anderem, als der optimalen Vorbereitung auf ein bevorstehendes Ereignis. Sie bildeten sozusagen den Rahmen, den Weg (die Hypnose) um in einem gemeinsamen Erleben, einen gemeinsamen Bewusstseinszustand (die Trance) zu erreichen. Dabei stellte „der Weg“ die idealen Bedingungen, um eine eigene, passende Realität zu konstruieren und als Ressource optimal nutzen zu können. Ein Voodoo-Meister der mit seinen Rasseln alle krächzend in „Schlaf!“, „Schlaf!“, „Schlaf!“ getrieben hätte, wäre weder zielführend, noch wirklich willkommen gewesen. Wahrscheinlich hätte die Sippe ihn mit seinem Pendel erschlagen.

Nochmal, ganz wichtig: „Hypnose ist der Weg – Trance der Zustand“. Ein Zustand der immer zielgerichtet und kontextabhängig als Angebot dient, eigene Realität als Ressource optimal konstruieren zu können. Wie im „Flow“ eben.

Franz Anton Mesmer

Franz Anton Mesmer

Franz Anton Mesmer (1734 – 1815) war ein deutscher Arzt, Heiler und Begründer des animalischen Magnetismus, oder auch Mesmerismus. Seine selbst initiierten Bemühungen, die geheimen Kräfte des Unbewussten zu begründen, hoben ihn zu erst an die Spitze und brachten ihn schlussendlich zu Fall.

Bildquelle: WikiMedia, via Wikimedia Commons

Neurohypnology (1843), James Braid  Das Buch von James Braid aus dem Jahre 1843 kannst Du Dir mit einem gültigen ``Study-Account`` im MediaArchiv downloaden.

Jetzt machen wir mal einen großen Sprung aus der Steinzeit, über den Schweizer Paracelsus (15. Jahrhundert), den Iren Greatrakes (16. Jahrhundert) und den Jesuiten Maximilian Hehl, um schlussendlich bei dem wohl bekanntesten Werbeträger für Hypnose der Neuzeit zu landen: dem Wiener Arzt Anton Mesmer. Mesmer befasste sich in seiner Dissertation mit dem „Einfluss der Gestirne auf den Körper“. Mesmer ging von der Hypothese aus, dass ein universales Fluidum existiere, das bei Krankheiten ungleich im Körper verteilt wäre. Dieses könne man, so glaubte er, durch magnetische Heilströme wieder ausgleichen. Um das zu erreichen legt er die Hand auf seine Probanden, machte Luftstriche, oder, wenn es mehrere Personen gleichzeitig waren, steckte er diese in Bottiche mit magnetisierter Flüssigkeit. Aufgrund seiner Popularität nannte man diese Art des Hypnotisierens lange Zeit auch „Mesmerisieren“. Dieser Ausdruck existiert auch heute noch. Nur nicht im Deutschen. Dafür aber in Englisch. Dort bedeutet: „to mesmerize“ = „hypnotisieren“.

Mesmer legte mit seiner Theorie des tierischen Magnetismus (und vor allem durch seiner Popularität), den Grundstein für die systematische Erforschung der klassischen Hypnose.

Durch die Wirren der Zeit, den Argwohn der Ärzteschaft, gewürzt mit ein paar Priesen Neid und Macht, kam es, wie es kommen musste: Mesmer wurde irgendwann öffentlich diskriminiert, verpönt und aus dem Rampenlicht der Gesellschaft gedrängt.

Doch auch nach dem Fall von Anton Mesmer aus der Anerkennung von Medizin und Psychologie, löste sich seine (Wieder-)Entdeckung nicht einfach so in Luft aus. Nun kam die Zeit des eingangs erwähnten James Braid. Man erzählt sich, dass er bei einem Auftritt des Magnetiseurs La Fontaine Feuer an dem Spiel mit dem Magnetismus fand. So mutmaßte 1840 der junge Arzt, dass in der Struktur, in der die „Mesmeristen“ ihre Patienten zu behandeln pflegten, der Schlüssel zum Erfolg der Methode liegen müsste. Zu dieser Zeit pflegten es die Schüler Anton Mesmers nämlich, in der Nähe des Kopfes ihrer Klienten zu stehen und von dort an abwärts über deren Körper zu streichen.

Braid fiel auf, dass die Klienten mit einem starr nach oben, zum Behandelnden gerichteten Blick wie erstarrten. So vermutete Braid, dass der Erfolg der Methode weniger auf eine Übertragung tierischer Energie, oder Magnetismus zurückzuführen wäre, vielmehr dass die Wirkung darauf beruhe, dass die Klienten aufgrund einer „kinästhetisch induzierenden Hypnose“ in diesen Trancezustand eintauchten.

Braid begann nun selber zu experimentieren. Beispielsweise ließ er seine Versuchspersonen auf glänzende Gegenstände starren, um sie in diesen Zustand zu bekommen. Im Laufe der Zeit verwarf er die Ideen des „magnetischen Animalismus“ aber völlig und formte die Theorie von „hirnphysiologischen Veränderungen“ die während einer Trance stattfinden müssten.

Drei Jahre später schrieb er dazu ein Buch: Neurohypnology (Braid, 1843). In diesem erläuterte er die Technik, wie man durch das Starren auf einen bestimmten Punkt in diesen Trancezustand gelangen könne.

Zeitgleich experimentierte in Frankreich der Landarzt Auguste Ambroise Liébault (1823–1904). Er war ein glühender Verehrer von Mesmer und all diesen aufregenden, hypnotischen Zuständen. Er entwickelte 1864 in Nancy das erste Therapiesystem, in dem die Hypnose eine wichtige Rolle spielte.

Ein deutscher Kollege und Professor an der Universität von Nancy, namens Hippolyte Bernheim, schickte ihm daraufhin einen Patienten, den er nahezu über Nacht geheilt bekam. Bernheim fing Feuer. Er begann daraufhin mit Liébault die Möglichkeiten der Hypnose weiter auszuloten.

Auch Freud, der ursprünglich Schüler von Charcot war, wechselte in diesen Jahren zu Bernheim und Liébault. Beide hatten gerade die Schule von Nancy eröffnet. Auch Freud nutzte nun die Hypnose für seine therapeutische Arbeit. Zumindest anfänglich. Später dann geriet er jedoch in den Wettstreit mit dem Hypnosetherapeuten Breuer, und entwickelte seine heute als Psychoanalyse bekannte Redetherapie. (Man erzählt sich übrigens, dass Freud einfach mundfaul gewesen sein soll, und es für ihn viel lukrativer war, die teure und langwierige Psychoanalyse in der gehobenen Gesellschaft zu verkaufen, als sich mit der erfolgreichen Kurzzeittherapie selber das Wasser abzugraben. Aber das sind nur Gerüchte).

Jean-Martin Charcot (1825–1893), der größte Neurologe seiner Zeit und Chef des „Hôpital de la Salpêtrière“ in Paris, glaubte, Hypnose sei ein pathologisches Phänomen und nur hysterische Menschen könnten hypnotisiert werden. Seine falschen Annahmen basierten auf Demonstrationen eines belgischen Bühnen-Hypnotiseurs sowie auf der Tatsache, dass er es selber nie fertig gebracht haben soll, auch nur annähernd jemanden zu hypnotisieren. Seine „Salpêtrière-Schule“ sollte somit ein Leben lang mit der „Nancy-Schule“ auf Kriegsfuß stehen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte nun die Psychoanalyse zu ihrem großen Durchbruch. Hypnose war schlicht nicht mehr schick. Die Analyse nahm ihren Platz ein. Freuds Lobbyarbeit war einfach zu gut gewesen. Die Analyse hatte nun ein großes Publikum erreicht, das auch das Geld für diese kostspielige Redetherapie ausgeben konnte. So kam es, wie es kommen musste: die Hypnose geriet in Vergessenheit. Eine ganze Weile lang.

Sigmund Freud (1856 - 1939)

Sigmund Freud (1856 - 1939)

Sigmund Freud (1856 – 1939) kam aus Österreich und war Neurologe, Tiefenpsychologe und vor allem eins, der Begründer der Psychoanalyse. Eine schnell anerkannte und in der gehobenen Bevölkerungsschicht auch bekannte Therapiemethode, bei der man mit wenig Reden viel Gold erwirtschaften konnte. Nicht so, wie bei der Hypnotherapie eben.

Bildquelle: By Max Halberstadt[1] (1882-1940), via Wikimedia Commons

Dennoch: für die weitere Entwicklung der Hypnose war der Wetteifer zwischen den Freudianer und den Behavioristen nicht ganz unwichtig gewesen. Der Behaviorismus nämlich, gründete sich auf den Beobachtungen eines amerikanischen Arztes, namens William Twitmeyer. Dieser hatte zufällig über das Reiz-Reaktions-Schema gelesen und veröffentlichte nun seinerseits, einen Artikel im „Journal of the American Medical Association“. Dieser Artikel wurde nun allerdings kaum beachtet. Nur der russischen Forscher Iwan P. Pawlow stolperte drüber. Pawlow baute diese Studie nun weiter aus und begann mit Hunden zu experimentieren. Damit schrieb er nicht nur die Geschichte der Psychologie weiter, sondern wurde auch noch weltberühmt.

Dank der Entdeckung der Konditionierung, konnte nun auf beiden Seiten des Atlantik fleißig weiter geforscht werden. 1933 fasste Clark Hull in einem Hypno-Klassiker „Hypnosis and Suggestibility“ (Hull, 1933) die wichtigsten Beobachtung seiner Zeit in einem Satz zusammen: „Alles, was eine Trance voraussetzt, verursacht Trance“.

Das klingt jetzt ziemlich simpel, aber denke mal an all die Methoden heute, wie die progressive Muskelentspannung, Traumreisen, Visualisationstechniken und dergleichen mehr. Man findet so viel davon in therapeutischer Arbeit, im Mental Training, sogar bei Meditationen. Nur kaum einer spricht auch über das Wirksmuster, das all diesen Techniken zugrunde liegt: der hypnotischen Trance. Dank Clark Hull können wir nun mit diesem einen simplen Satz, all diese wundersamen Wirkungen erklären.

Milton H. Erickson (1901-1980) war ein amerikanischer Psychiater, Psychologe und Gründer der modernen Hypnotherapie. Milton prägte nicht nur die einzelnen, therapeutischen Entwicklungen seiner Zeit, sondern ist bis heute aus allen zielgerichteten Kommunikationsprozessen nicht mehr weg zu denken.

Bildquelle: Internet

Und nun landen wir langsam wieder im hier und heute. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts war es nämlich nun der junge Milton H. Erickson, der an Forschungsprojekten von Clark Hull beteiligt war. Genau der Erickson, der dann später auch über die NLP so berühmt wurde. In den Jahren 1920 bis 1980 entwickelte und prägte nun Erickson maßgeblich die Richtung der indirekt-permissiven Hypnose. Bis heute gilt diese als Richtschnur der modernen, klinischen Hypnosetherapie.

Dieser amerikanische Arzt und Psychiater wurde zu einer der wichtigsten Figuren im Kampf um die offizielle Anerkennung der Hypnose als Therapieform. Ericksons Methode hat vor allem zwei hervorstechende Merkmale: Permissive Suggestion und indirekte Suggestion. Beide Merkmal flossen vor allem im Erzählen von therapeutischen Metaphern zusammen. Allein durch Erzählen solcher Geschichten brachte Erickson seine Patienten dazu, im Handumdrehen in Trance zu gehen. Die gewünschten Veränderungen und Heilungen traten oft wie durch ein Wunder ein. Seit Erickson wissen wir nun, dass ein Mensch auch gegen seinen Willen in Trance gehen kann, und dass es gewisse Sprachmuster gibt, die eine Trance einleiten und vertiefen können.

In den 1970er-Jahren trafen dann die beiden jungen Forscher Richard Bandler und John Grinder auf den Hypnosetherapeut. Auf der Suche nach dem Modell, welches sie hinter dem Erfolg unter anderem auch der von Erickson entwickelten Technik vermuteten, entwickelten sie ihre heute als NLP bekannte Methoden und deren Modelle.

Während Erickson die indirekt-permissiv Technik optimierte, war George Estabrooks, ein weiterer hervorragender Hypnotiseur, damit beschäftigt, den entgegengesetzten Ansatz, die direkt-autoritären Methode zu entwickeln.

Kreative Therapeuten wie Dave Elman und Leslie LeCron, der die ideomotorischen Signale populär machte, schreiben neben Ernest Rossi und Jeffrey Zeig, die heute das Erbe von Milton H. Erickson bewahren, die Geschichte der modernen Hypnose fort.

Die neuste, in den letzten Jahrzehnten von dem herausragenden Redner, Therapeut und Ausbilder, Dr. Gunther Schmidt, entwickelte hypnosystemische Therapie, basiert wesentlich auf dem Hypnose-Verständnis von Milton H. Erickson. Dank Schmidt öffnet sich aber nun endlich die „klassische Hypnotherapie“ wieder, wird interaktionell und kontextbezogen und agiert wieder treffsicher, flexibel und erfolgreich als systemische Methode für Therapie und Coaching.

Vielleicht muss man dieses Hin- und Her zwischen systemischem und linear-kausalem Denken doch noch schnell mit einem Satz erklären.

Der Unterschied zwischen der klassischen- und der systemischen Sichtweise auf Hypnotherapie ist vor allem der, das ein klassisches Verständnis davon ausgeht, dass durch die Anwendung von Tranceinduktionsritualen, Menschen dabei unterstützt werden könnten, ihre vorherrschenden Bewusstseinszustände, die mit viel Leid und dem Erleben von Symptomen, Problemen und Inkompetenzen einhergehen, zu verändern. Hierzu werden alternative Bewusstseinszustände entwickelt, die in hilfreicher Weise die Symptome und Leid auflösen sollen. Für die klassische Sicht auf Leiderleben gibt es daher für jedes Symptom auch eine Ursache. Es gilt diese nur zu entdecken und auszumerzen.

Die systemische Perspektive hingegen relativiert diese veraltete Denkweise, und befreit das Symptomerleben aus einer verkrampften Suche nach einer willkürlichen Ursache. Hypnosystemische Arbeit stellt das Problemerleben eines Klienten wieder zurück in die Wechselwirkung und rückbezügliche Interaktion, verschiedener Systemelemente untereinander. Diese Blickrichtung führt nun dazu, dass Tranceprozesse und das Verständnis von Hypnose überhaupt, wieder relativiert und frei von kataleptisch bedingten Monologen zurück im Kontext normaler Gesprächsführung integrierbar und nutzbar sind.

Gleich ob eher im klassischen Sinne, mit bekannten Entspannungsritualen gearbeitet wird, oder eher im moderneren, systemisch-indirekten Stil auf sogenannte Konversationstranceprozesse zurückgegriffen wird, Ziel bleibt, die bewusste Aktivierung von fokussierenden und ressourcenaktivierenden Tranceprozessen. Und damit wären wir wieder bei unserem Thema. Denn das ist exakt das, über das auch wir uns hier in diesem Buch unseren Kopf zerbrechen.

Gunther Schmidt

Gunther Schmidt

Dr. Gunther Schmidt (1945) stammt aus Heidelberg und hat neben Medizin und BWL auch eine fundierte, systemische psychotherapeutische Ausbildung. Er ist Begründer des hypnosystemischen Integrationsmodell in dem er die systemische Lehre, die hypnotherapeutische Arbeit nach Milton und weitere Elemente zu einem neuen Ganzen zusammenbringt.

Streifzug

durch ein paar Geschichten der Hypnose

Es gäbe noch so viel über die Geschichte der Hypnose zu erzählen, so viele Perspektiven, aus denen heraus man das Eine und Andere Besondere noch beleuchten könnte, doch für jetzt soll es mal gut sein. Weitere Infos findest Du im Downloadbereich und MediaArchiv mit Deinem „Study-Account“. 

Such mal in den Archiven nach folgenden Artikeln (als pdf Download), die könnten dich interessieren

  • animalischer Magnetismus und Mesmerismus (engl.)
  • Neurohypnology (James Braid)
  • The Structure of Magix I & II (Richard Bandler)
  • emotionale Kognition in der realen Welt (engl.)
  • Systemisches Coaching
  • u.v.m.

Abschließend aber noch schnell ein paar kleine Highlights zur Geschichte der Hypnose, die ich auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte:

Zum Beispiel gab es da diesen John Elliotson (1791–1868). Chirurgie-Professor am University College of London und gemäß amerikanischen Quellen Erfinder des Stethoskops. Er studierte den Mesmerismus im Zusammenhang mit Schmerzkontrolle. Dummerweise kostete ihn das seinen Job.

Oder James Esdaille (1808–1859). Er war schottischer Chirurg und verantwortlich für ein Spezial-Krankenhaus in Kalkutta (Indien). Als er Elliots Buch gelesen hatte vollzog er daraufhin mehr als tausend Operationen mit Hypnose als einzigem Anästhetikum. Die Chemo-Anästhesie gab es damals ja noch nicht. Mehr als 300 waren davon schwere Operationen. Amputationen und ähnliche Eingriffe. Das faszinierende dabei war, dass die Sterblichkeitsrate bei seinen Operationen von 50 auf fünf Prozent sank. Als aber Esdaille nach England zurückkehrte, nahm die British Medical Association auch ihm seine Lizenz weg. (Zudem war mit der Erfindung des Chloroforms sowieso Schluss mit dem Unfug: Hypnose. Zumindest in Deutschland und Österreich.)

Während der beiden Weltkriege sowie des Koreakrieges erlebte die Hypnose eine Renaissance aufgrund der erfolgreichen Behandlung von Shell-Shock-Opfern (posttraumatisches Belastungs-Syndrom). Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem nochmal Clark Hull, William James, und G. A. Estabrooks.

1955 war es dann endlich so weit. Die Britische Ärztegesellschaft anerkannte die Hypnose als wirksame Therapieform. 1958 tat die amerikanische Ärztegesellschaft es ihr gleich. Heute werden Hypnose-Ausbildungen an allen medizinischen Instituten angeboten.

Dave Elman war so einer von diesen Ausbildern. Er unterrichtete sein ganzes Leben lang Ärzte und Zahnärzte im Gebrauch und Einsatz von Hypnose. Sein Vorgehen ist das Gegenteil von demjenigen Ericksons. Er sagt, es kommt einzig und allein darauf an, ob der Hypnotisand Anweisungen befolgen kann. Eine seiner unglaublich wirksamen schnellen Induktionstechniken ist daher sehr direkt. Wenn du willst kannst du sie sofort lernen. Sag einfach heute Abend zu deinem Partner: „Schließe deine Augen und tue so, als ob du sie nicht mehr öffnen könntest. Jetzt zähle von 100 bis eins abwärts und tue nochmal so, als ob du ab 97 alle Zahlen vergessen hättest“. Mit dieser Technik gehen angeblich 90 Prozent der Bevölkerung in eine somnambule Trance – sagt man. Ich gehöre dann wohl zu den übrigen zehn Prozent.

Musterunterbrechungen nach dem Modell von Erickson in der Werbung

Köpfe der Hypnose

Nochmal im Durchmarsch ein paar wichtige Gestalten

Es gibt so wahnsinnig viele Begründer, Entdecker, Vordenker und Macher in dieser Geschichte, dass ich gar nicht erst den Anspruch haben will, allen gerecht zu werden. Aber fangen wir halt mal irgendwo an. Von Mesmer bis Milton, von B wie Braid bis Bandler, von Freud bis .. ach was weiß ich noch wohin. Es ist eine spannende Geschichte, mit spannenden Menschen, die unglaublich ihr Nachwelt geprägt haben. Es lohnt sich und macht Spaß, auch dieses Buch mal für sich zu entdecken.

Workbook Manipulation: Arbeitshefte

Alle Arbeitshefte, Titel & Spezialthemen zum Download im Shop

Share on Facebook1Share on Google+2Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn0Share on Tumblr0Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Contact Us