Digitale Manipulation

Digitale Manipulation

Die Facebook-Studie 2012 und der digitale Stimmungs-Manipulator

Warum auch nicht? könnte man sich fragen. Bei 1.2 Milliarden Mitgliedern, da kann man doch ab und zu auch mal ein paar Experimenten mit seinen Usern machen, oder nicht? Wo auch sonst auf der Welt, horten sich so viele Menschen auf einem Haufen und man hat so viel Informationen über jeden Einzelnen, wie auf facebook? Das wäre ja Verschwendung, würde man diese Chance nicht ergreifen und nutzen!

Nicht ganz so, aber vielleicht ähnlich dürften sich das die drei Forscher (zwei aus Cornwell und einer von Facebook) gedacht haben, als sie 2012 ihr Experiment starteten. Sie konnten anhand einer kleinen Auswahl von Nutzern (für fb klein: 689.003) zeigen, das emotionale Zustände anderer, sich auch ohne jegliche verbale oder nonverbale Interaktion, auf den User übertragen lassen. Sie nannten das: „emotionale Ansteckung“. Hierfür lieferten sie den Beweis.

Im Kontext des Handbuchs Manipulation, ordne ich solche Effekte, der „systemischen Manipulation“ zu. Derlei Effekte können immer dann ausgelöst werden, wenn irgendeine „systemisch“ gelagerte Bedürfnissroutine in uns Menschen zu rotieren beginnt. Systemische Bedürfnisse sind Grundbedürfnisse von uns Menschen, die uns ursprünglich einmal das Überleben, im speziellen, das Überleben in und mit der Gruppe garantieren sollte.

Facebook

Facebook Inc. wurde 2004 von Mark Zuckerberg aus dem Vorläufer „facemash.com“ entwickelt und dann als Unternehmen gegründet. Es hat seinen Sitz in Kalifornien und verwaltet weltweit rund 1.2 Mrd Mitglieder (Q3/2013). 

Die Facebook Studie 2014

Zur Stimmungslage seiner Nutzer

Im Falle dieses Experiments wird damit deutlich, das User und Feed(autoren) so etwas wie eine spezielle, temporäre „Peer-Gruppe“ bilden. Eine Gruppe, mit eigenen Spielregeln und Werten in der ihre Mitglieder wechselseitig und rückbezüglich Einfluss aufeinander nehmen. Würde man derlei Effekte im Alltag beobachten (ich erinnere da nur an den Bystander Effekt, oder Ähnliche), würde man sich nicht groß wundern. Vielfältig sind da ja die Möglichkeiten, aufeinander einzuwirken. Im Falle von facebook ist das aber etwas besonderes. Hier fällt jegliche direkte Interaktion zwischen den Mitgliedern dieser digitalen Spezialgruppe aus. Keine Körpersprache, kein verbaler Austausch, keine nonverbalen Signale (STichwort: Submodalitäten und Co.).

Doch wie untersuchten die drei Wissenschaftler das? Ganz einfach. Sie entwickelten eine Software, die die Beiträge von Usern in positive oder negative Stimmung hin kategorisierte (die Kritik an diesem Vorgehen, und die Trennschärfe der Software seien jetzt mal außen vor). Damit begann das Experiment. Die Wissenschaftler pickten sich ihre Zielgruppe heraus und manipulierten die Feeds, die diese User zu Gesicht bekamen, nun entsprechend. Reduzierte man nun zum Beispiel die Anzahl positiver Beiträge, so konnte man sehen, dass die Nutzer auch weniger positive Beiträge verfassten, dafür deutlich mehr negativ geprägte. Drehte man das Spiel nun um, und erhöhte die Zahl der positiven Beiträge, wechselte auch das Muster entsprechend.

Damit konnte deutlich gezeigt werden, dass die Stimmungslage Anderer, einen nachhaltigen Einfluss auf die Stimmung des Nutzers hat. Sie steckt sozusagen an. Das aber wirklich spannende dabei ist, dass hierfür keine direkte Interaktion zwischen den entsprechenden Mitgliedern nötig ist.

Facebook Studie - Diagramm

Die ganze Studie unter dem Titel „Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks„wurde in der Fachzeitschrift: Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht und kann dort auch kostenlos runtergeladen werden.

Mal praktisch weiter gedacht…

Was wir aus diesem Experiment lernen können

Die Grundhaltung eines Menschen, seine grundlegende Stimmungslage, ist bahnend für all seine Entscheidungen. Das haben wir ja schon in dutzenden Beispielen gesehen. Einfluss auf diesen Gradmesser zu bekommen, ist daher von je her schon besagtes Ziel aller Marketing- und Werbeaktionen dieser Welt. Mit dieser Studie kommt nun ein weiterer Wirkfaktor hinzu: Die „emotionale Netz-Ansteckung“.

Wenn also eine Bezugsgruppe, mit der ich mich aus irgendeinem Grund verbunden fühle, nun eine bestimmte Grundstimmung verbreitet, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass auch ich diese Stimmung übernehmen werde. Am Beispiel: Würde ich mich zu der Gruppe der „Bild-Zeitungsleser-am-Morgen“ zählen, und würde diese Zeitung seitenweise nur schlechte Laune verbreiten, wäre die Wahrscheinlichkeit also recht hoch, dass dies auch mir den Tag verhagelt. Aber was wäre, wenn die Zeitung nicht schlechte Nachrichten, sondern „aggressive“ verbreiten würde? Nur so ein Gedanke… Und nun wissen wir ja auch, dass es dazu noch nicht einmal mehr die Zeitung braucht, sondern eine facebook Gruppe auch schon reicht.

Wenn ich mir meinen f/b-Feed morgens so durchsehe, diesen bunten Mix aus Nachrichten, Wissenschaft, Freunden, Sex, Blödsinn, Männersachen, Werbung und Co. dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwähren, dass vor allem bei großen Redaktionen System hinter ihren Veröffentlichungen zu stehen scheint. Wie ein Sandwich-Feedback (s.h. Primär-Rezenz-Effekt) tickern da oftmals die Nachrichten über den Schirm (s.h. Massenmanipulation), dass es paradoxer kaum noch geht. Gemäß dem Motto: Gute Nachrichten verbreiten = gute Stimmung = folglich wird man geliebt und die Verkaufszahlen steigen! Für schlechte Nachrichten wird man geköpft. Das war schon im Mittelalter so.

Ein digitaler, wie auch imaginärer Schulterschluss mit der potentiellen Bezugsgruppe reicht also, um eine massive, innerer Stimmungs-Lawinen loszutreten. Da ich in facebook ja selber Teil einer/mehrere Bezugsgruppen bin, sollte ich vielleicht zukünftig ein bisschen mehr darauf achten, nicht was, sondern wie ich in meinem fb Profil Beiträge verfasse.

Mood-Manipulation…

Kleines PlugIn für Chrome

Chrome Mood Manipulator

Wer statt aktiv zu manipulieren, sich lieber mit dem Flow positiver Beiträge manipulieren lässt, dem sei dieses kleinen PlugIn für den Chrome Browser empfohlen. Einmal installiert erscheinen neben Deinem Feed die Auswahlregler, mit denen Du Beiträge zur Stimmungsmache vorsortieren lassen kannst. Laut der Programmiererin Lauren Mc Carthy greift das PlugIn dabei auf die gleiche Software zurück, die auch Facebook für seine Studie genutzt haben will. Naja,… probier es einfach aus. Das Tool gibt es im Chrome WebShop!

Workbook Manipulation: Arbeitshefte

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